Kurzvideos loswerden: Was auf dem iPhone wirklich hilft

In meinen YouTube-Empfehlungen lag ein Video mit dem Titel «Nach diesem Video wirst du nie mehr Kurzvideos schauen» von Simon Josef Eckert. Der Titel ist selber ein Klick-Köder, das dürfte ihm bewusst sein. Angeschaut habe ich die 13 Minuten trotzdem, und hängengeblieben bin ich an einer Stelle, mit der ich nicht gerechnet hatte.
Der erste Teil geht die Psychologie durch. Jeder Swipe wirkt wie ein Hebelzug am Spielautomaten, weil die Belohnung unregelmässig kommt. Eckert verweist dafür auf Ferster und Skinner von 1957, die untersucht haben, dass unregelmässige Belohnung hartnäckiger bindet als eine verlässliche. Dazu kommen emotionale Vermeidung und das Bild vom sozialen Junkfood, also eine Verbindung, die keine ist. Unter dem Video hängt ein Literaturverzeichnis mit DOIs, was ich bei so einem Thema angenehm finde.
Design schlägt Willenskraft
Das ist der Punkt, der mich beruflich trifft. Ich baue selber Oberflächen und weiss ziemlich genau, wie viel eine Voreinstellung entscheidet: wo ein Button sitzt, was schon angehakt ist, wie viele Klicks zwischen dir und einer Aktion liegen. Wenn ich ein Formular umbaue, ändert sich das Verhalten der Leute, ohne dass sie es merken.
Ein Feed, der nie aufhört, ist deshalb kein Naturgesetz. Den hat jemand so entschieden, mit demselben Handwerk, das ich auch benutze. Mir ist diese Erklärung ehrlich gesagt lieber, als mir eine Charakterschwäche einzureden. Ganz wohl ist mir dabei trotzdem nicht.
Reibung einbauen
Vornehmen bringt bei mir wenig. Was hilft, ist die Sache umständlicher zu machen. Eckert zieht die Parallele zur freiwilligen Spielsperre im Casino, die man sich selber auferlegt, solange man noch klar denkt. Auf dem iPhone geht das so:
- App vom Homescreen in die App-Mediathek schieben. Oder löschen und die Web-Version im Safari nutzen, die ist absichtlich unbequemer, und genau darum funktioniert sie.
- Einstellungen, Bildschirmzeit, App-Limits. Wichtig: «Am Ende des Limits blockieren» erscheint nur, wenn du vorher einen Bildschirmzeit-Code gesetzt hast. Ohne Code bekommst du einen Hinweis, kein Limit.
- Bei YouTube lässt sich das Shorts-Regal auf der Startseite über das X für 30 Tage ausblenden. Das im März nachgeschobene Shorts-Tageslimit, das sich sogar auf 0 Minuten stellen lässt, sitzt dagegen im Family Center und gilt nur für betreute Konten – für deine Kinder also, nicht für dich selber.
Perfekt ist das alles nicht. Die App-Limits setzen um Mitternacht zurück, an der Uhrzeit lässt sich nichts drehen, und wer seinen eigenen Code kennt, tippt ihn im Zweifel einfach ein. Du gewinnst ein paar Sekunden Bedenkzeit, mehr nicht.
Was mir davon bleibt
Den Asketen gebe ich hier nicht. Ich verdiene mein Geld im Web und schaue mir an, was auf diesen Plattformen läuft, das gehört zum Job. «Lösch einfach alles» wäre von mir schlicht unglaubwürdig. Vor Jahren habe ich hier ein Video über ein Social-Media-Experiment verlinkt, damals ging es um Datenschutz und darum, was die Plattformen über einen wissen. Die Frage, die mich heute mehr umtreibt, ist eine andere: wie lange sie mich halten.
Am meisten mitgenommen habe ich den Schluss über die eigenen Trigger aus Auslöser, Routine und Belohnung. Bei mir ist der Auslöser fast immer derselbe: eine Aufgabe, auf die ich keine Lust habe. Dagegen hilft kein App-Limit.
Früher habe ich in solchen Momenten wenigstens noch Artikel in Pocket gesammelt und später gelesen. Das war auch Aufschieberei, aber am Ende hatte ich etwas gelesen. ;-)
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